#wirimwandel: Interview mit Reinhard Klein

Reinhard Klein Vorstandsvorsitzender, Bausparkasse Schwäbisch Hall


Krieg, Energieversorgung, Inflation: Die Welt steht vor enormen Herausforderungen und einer grundlegenden Wende. Wie stellen Sie sich in Ihrem Institut auf den Wandel ein?

Es bleibt uns wie allen anderen Unternehmen nichts anderes übrig: Solche externen Faktoren müssen trotz aller Widrigkeiten aktiv gemanagt werden. Mindestens genauso wichtig ist es aber, die Aufmerksamkeit parallel auf die mittel- und langfristigen Herausforderungen zu lenken, um den damit entstehenden Gestaltungsspielraum zu nutzen. Nachhaltigkeit und Digitalisierung bleiben dabei die zentralen Themen.

Speziell im Bereich Nachhaltigkeit verstehen wir uns als maßgeblicher Ermöglicher beim klimaneutralen Gebäudebestand.
Rund zwei Drittel der Bausparguthaben und -darlehen fließen heute schon in den Bereich Modernisierung/Renovierung. Der Bausparvertrag ist daher ein ideales Instrument für energetische Modernisierungsvorhaben. Das wird uns auch helfen unsere Refinanzierungsbasis im Bereich Green Bonds perspektivisch auszubauen.

Welche wirtschaftliche Entwicklung erwarten Sie für Deutschland in den nächsten drei Jahren und mit welchen Auswirkungen auf den Immobilien- und Pfandbriefmarkt rechnen Sie?

Die allgemeine Teuerung und speziell die hohen Energiekosten werden mindestens in den nächsten zwei Jahren vielen Menschen einen großen Teil ihres verfügbaren Einkommens rauben. Nach allen Prognosen wird das Wohnen aber auch außerhalb der Nebenkosten teurer – egal, ob zur Miete oder im Wohneigentum. Bereits heute geben viele Haushalte mehr als 30% ihres Einkommens für Wohnen aus. Diese Tendenz wird sich fortsetzen. Wohnen wird daher immer mehr zur sozialen Frage. Zumal wir von einer weiter steigenden Nachfrage nach Wohnraum ausgehen, während das Angebot an neuem Wohnraum auch künftig nicht ausreicht.
Für Linderung der Wohnungsnot kann nur ein Dreiklang sorgen: Mehr Mietwohnungen, mehr Sozialwohnungsbau und klare gesetzgeberische Unterstützung, damit mehr Menschen in Wohneigentum kommen können, nämlich Unterstützung beim Eigenkapitalaufbau, niedrigere Grunderwerbssteuer bei Ersterwerbern und eine deutliche Entschlackung und Vereinfachung der Bauvorschriften.

Kreditinstitute nehmen bei der Bewältigung der aktuellen Herausforderungen eine Schlüsselrolle ein. Was ist Ihr Appell an Aufsicht und Politik?

In unseren Augen muss die Politik fünf Aufgaben lösen, um die soziale Frage des Wohnens zu beantworten:

Sie muss erstens die Hürden für Wohneigentum abbauen, indem sie die Kaufnebenkosten deutlich senkt. Das kann entweder als Grunderwerbsteuer-Freibetrag beim erstmaligen Erwerb von Wohneigentum geschehen oder als Stufentarif erfolgen: Große und teure Immobilien werden dann stärker besteuert als kleine und mittlere.

Aufgabe 2: Die Politik muss den Aufbau von Eigenkapital für Wohneigentum zielgerichtet unterstützen. Das gelingt mit den bewährten Mitteln durch Wohnungsbauprämie und verbesserter Arbeitnehmersparzulage. 

Drittens helfen Aktionen wie „Jung kauft Alt“: Kommunen können junge Familien finanziell unterstützen, die Gebrauchtimmobilien im Ortskern von Gemeinden kaufen und so Leben ins Dorf bringen, statt am Ortsrand oder in der nächsten Kreisstadt zu siedeln. 

Der Staat muss zudem die Rahmenbedingungen fürs Bauen verbessern und endlich die Muster-Bauordnung einführen und Genehmigungsverfahren a) entschlacken und b) digitalisieren und das bitte in dieser Reihenfolge, sonst endet es wie bei der aktuellen Grundsteuererklärung: zwar digital, aber unnötig kompliziert.

Fünfte Aufgabe – und die ist vermutlich die wichtigste: Wir brauchen dringend gute Ideen für mehr Nachwuchs im Handwerk, denn der Fachkräftemangel verteuert Bauen bereits heute immens und wird sich in den nächsten Jahren weiter verstärken.