zurück

Ungerechtfertigte Eigenkapitalbelastungen

Jens Tolckmitt, Hauptgeschäftsführer des Verbandes deutscher Pfandbriefbanken zum Kommissionsvorschlag der EU zur Verschärfung der Anforderungen an die Behandlung von notleidenden Immobilienkrediten (NPLs)

Gastbeitrag, erschienen in der Börsen-Zeitung vom 20.10.2018.

Die Brüsseler Verhandlungen im Rat und Parlament über den Kommissionsvorschlag zur Verschärfung der Anforderungen an die Behandlung von notleidenden Krediten (Non-Performing Loans, NPLs) bei Banken und Sparkassen sind in vollem Gange. Die Intention der Regelungen als Teil der Vorschläge zur Überarbeitung der europäischen Eigenmittelverordnung (CRR) vom 14. März 2018 ist im Grunde zu unterstützen. Zielt das Vorhaben doch darauf ab, hohe Bestände an notleidenden Krediten, die derzeit in einzelnen europäischen Staaten – allen voran Griechenland, Zypern, Portugal und Italien – auf den Bilanzen einzelner Banken sehr verbreitet sind, zukünftig zu vermeiden. Allerdings besteht nach derzeitigem Stand die Gefahr, dass europäische Regelungen geschaffen werden, die dem Geschäftsmodell der deutschen Kreditwirtschaft insgesamt und damit auch den Pfandbriefbanken schaden.

Bärendienst

So sehen die aktuell diskutierten Regelungen vor, dass unbesicherte Kredite nach zwei Jahren und besicherte Kredite nach acht Jahren vollständig wertberichtigt werden müssen. Der Regulator unterstellt damit, dass nach diesem Zeitraum keinerlei weitere Kapitalflüsse aus den notleidenden Krediten zu erwarten sind. Wird die erfolgswirksame Risikovorsorge beziehungsweise Abschreibung nicht im erforderlichen Maße vorgenommen, beispielsweise wenn die Bilanzierungsvorschriften dies nicht gestatten, wird der Differenzbetrag vom harten Kernkapital der Bank abgezogen.

Die neuen Anforderungen sollen auch für das risikoarme Immobilienfinanzierungsgeschäft gelten. Dabei spiegeln die für solcherlei besicherte NPLs in dem Vorschlag der Kommission vorgesehenen Mindestmaße an Risikovorsorge die tatsächlich beobachtbaren - und in aufsichtlich abgenommenen Modellen verwendeten - Erlösquoten für verwertete Immobiliensicherheiten nicht annähernd wider. Im Regelfall begleiten Institute ihre Kunden auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten um gemeinsam die für beide Seiten bestmögliche Lösung zu finden. Diese Begleitung kann aber länger dauern, als von den oben genannten im Falle von NPLs holzschnittartigen Abschreibungsfristen unterstellt. Durch solche zeitlichen Restriktionen würden Institute förmlich dazu gezwungen, zu früh notwendige Maßnahmen zur Rückzahlung der Forderungen einzuleiten – oder die Forderungen in den Nichtbankensektor zu veräußern, der nicht entsprechenden Regulierungen unterliegt. Dem Kundenschutz und der Finanzstabilität wird damit ein Bärendienst erwiesen. Eine individuelle Behandlung der notleidenden Kredite im Interesse des Kunden und mit bestmöglichen ökonomischen Ergebnissen wird dadurch versperrt. Zudem wird völlig ohne Not eine unplanbare Ergebnisvolatilität provoziert.

Ein vom Regulator nach acht Jahren unterstellter Immobilienwert von null Euro ist für das als Regelfall formulierte Mindestmaß jenseits jeglicher Realität. Auch lässt sich nachweisen, dass nicht nur in Deutschland, sondern in anderen europäischen Staaten signifikante Erlösquoten im Falle immobilienbesicherter NPLs erzielt werden können. Tatsächlich liegt - nach einer Erhebung des Verbandes deutscher Pfandbriefbanken unter seinen Mitgliedern für den Zeitraum 2000 bis 2017 – nach dem achten Jahr die Erlösquote bei Verwertungen in Deutschland im Durchschnitt bei 53,6% - und eben nicht Null, wie der Aufsichtsvorschlag unterstellt.

Heuschreckendebatte

Ein explizites Ziel des Kommissionsvorschlags ist es, den Sekundärmarkt für Portfolien notleidender Kredite zu beleben. Durch den gezielten Verkauf von NPLs an Investoren außerhalb des Bankensektors, so die Überlegung, können Institute weitere Kapitalabzüge vermeiden und das verbliebene Kapital „sinnvoller“ für Neugeschäft nutzen, als sich hauptsächlich mit der Abarbeitung fauler Kredite zu beschäftigen. Diese Intention ist auf den ersten Blick nachvollziehbar. Allerdings können die Institute dann auch nicht mehr von den häufigen Fällen erfolgreicher Sanierung oder von Sicherheitenverwertungen profitieren, die nicht unter hohem Zeitdruck durchgeführt werden müssen. Gleichzeitig kann der Druck zum Verkauf von NPLs die langjährigen Kundenbindungen der Institute nachhaltig belasten.

Insgesamt führt dies zu höheren Verlusten aus NPLs und einer weiteren Schwächung der Ertragslage von Banken und Sparkassen. Schließlich erscheint ein gezielter Verkauf in den wenig oder unregulierten Schattenbankensektor weder unter dem Gesichtspunkt des Verbraucherschutzes – man denke an die deutsche „Heuschreckendebatte“ vor einigen Jahren, die genau um diese Frage kreiste- noch unter dem Aspekt der Stabilität des Finanzsystems insgesamt wünschenswert.

Dem aktuellen Vorschlag zufolge sollen die Anforderungen nur für Kredite gelten, die ab Mitte März 2018 ausgereicht wurden und anschließend als notleidender Kredit eingestuft werden. Jedoch besteht die unmittelbare Gefahr, dass die zeitabhängig formulierte NPL-Mindestdeckung auch Einfluss auf die Bemessung der Kapitalanforderungen für Kreditrisiken nicht notleidender Kredite hat. Dies betrifft Institute, denen die zuständige Behörde gestattet, eigene Schätzungen der Verlustquote bei Ausfall (LGD) im fortgeschrittenen auf internen Einstufungen basierenden Ansatz (IRBA) zu verwenden. Denn die regulatorische Vorgabe der Mindestdeckung könnte die aufsichtliche Erwartungshaltung bei der Beurteilung der Angemessenheit des verwendeten IRBA beeinflussen. Dies würde dazu führen, dass nicht mehr die ökonomisch beobachtbaren Verlustquoten bei der Schätzung der LGD verwendet werden können, sondern diese Schätzungen durch die Vorgaben zum NPL-Mindestmaß beschränkt werden. Damit würden sich die Kapitalanforderungen für sämtliche Kredite erhöhen.

Vor diesem Hintergrund sind die Regelungen in der derzeit diskutierten Form ungeeignet und sachlich nicht gerechtfertigt. Besser wäre es, stattdessen an den vermeidbaren Ursachen für hohe NPL-Bestände anzusetzen. In diesem Zusammenhang ist es insbesondere wichtig sicher zu stellen, dass in allen EU-Staaten, die Bilanzierungsvorschriften zur Risikovorsorge angemessen umgesetzt werden. Auch würde eine Verbesserung der Zwangsvollstreckungspraxis einiger nationaler Justizsysteme zu einer beschleunigten Verwertung der Sicherheiten führen.

Leitlinien von EZB und EBA

Darüber hinaus sollte das Risikomanagement von notleidenden Krediten ausgebaut werden. Dabei existieren bereits Ansatzpunkte, die in die richtige Richtung gehen, beispielsweise der NPL-Leitfaden der Europäischen Zentralbank oder die NPL-Leitlinien, die derzeit von der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde EBA entwickelten werden. Darauf sollte aufgebaut werden. Schlussendlich kann eine für den Einzelfall angemessene Behandlung von notleidenden Krediten nur im Rahmen des aufsichtlichen Überprüfungs- und Bewertungsprozesses (SREP) sachgerecht beurteilt und bei Mängeln entsprechend sanktioniert werden. Diese Punkte sollten in den Verhandlungen unbedingt berücksichtigt werden, um sicherzustellen, dass keine Regelungen geschaffen werden, die das Geschäftsmodell der deutschen Kreditwirtschaft beschädigen und zu unsachgemäßen Belastungen der Institute führen.