250 Jahre Pfandbrief: Im Gespräch mit Holger Wessling

Holger Wessling Mitglied des Vorstands Deutsche Apotheker- und Ärztebank

Welche Rolle spielt der Pfandbrief im Rahmen der Refinanzierungsstrategie Ihres Hauses?

Seit 2008 emittiert die Bank regelmäßig Hypothekenpfandbriefe, auch in Benchmarkgröße bzw. als Privatplatzierungen. Wir haben seither die Pfandbriefe zur wichtigsten Quelle der Kapitalmarktrefinanzierungen ausgebaut. Damit haben sie einen hohen Stellenwert für die Refinanzierungsstrategie der apoBank. Mit einem Volumen von rund 5 Mrd. Euro sichern sie attraktive Refinanzierungsniveaus und leisten so einen wertvollen Beitrag zur Umsetzung unserer Wachstumsstrategie. Bei kontinuierlich steigenden, kurzlaufenden Kundeneinlagen unterstützen sie zudem die Laufzeitkongruenz in der Bilanzsteuerung.

Der Pfandbrief scheint nach 250 Jahren nicht an Attraktivität eingebüßt zu haben. Was ist Ihrer Ansicht nach seine größte Tugend?

Der Pfandbrief ist ein krisenresistenter Dauerbrenner. Er profitiert von einer konservativen Gesetzgebung, die eine hohe Qualität der Deckungswerte unterstützt sowie Sicherheit und Nachhaltigkeit fördert. Damit genießt er bei Investoren Vertrauen und bietet ein stabiles Investment. Gleichzeitig wird das traditionelle Produkt „Pfandbrief“ kontinuierlich weiterentwickelt, um den Anforderungen der Investoren gerecht zu werden und die sich verändernden Rahmenbedingungen und Trends zu berücksichtigen.

Sehen Sie die Benchmark-Position des Pfandbriefs durch die Harmonisierung der Covered Bonds in Europa gefährdet?

Nein, die Harmonisierung der gesetzlichen Rahmenbedingungen von Covered Bonds und die Schaffung höherer Qualitätsstandards in Europa dürfte die besondere Position des Pfandbriefs eher weiter stärken. Die heutige – bisweilen beträchtliche – Heterogenität der nationalen Regelwerke für Covered Bonds gefährdete bisher seinen regulatorischen Sonderstatus. Eine bessere Vergleichbarkeit der europäischen Covered Bonds kann aus unserer Sicht dazu beitragen, diesen Status zu sichern, das Produkt noch krisenfester zu machen und damit das Vertrauen der Investoren weiter zu stärken.

Die expansive Geldpolitik hat den Pfandbriefmarkt in den vergangen 10 Jahren stark beeinflusst, mit positiven wie negativen Effekten. Wie bewerten Sie die aktuelle Situation?

Mit einem Volumen von rund 260 Mrd. Euro machen Pfandbriefe den zweitgrößten Posten im EZB-Ankaufprogramm aus. Zwar blieben die Bestände mit Ende des dritten Covered-Bond-Purchase-Programms konstant, allerdings sind die Notenbanken immer noch die entscheidenden Akteure im Primär- und Sekundärmarkt. Diese hohe Nachfrage der EZB hat zu erheblichen Marktverzerrungen geführt. Es kam zu einer deutlichen Marktverdrängung von kommerziellen Investoren wie Versicherungen, Asset Managern oder Banken. Darüber hinaus sanken die Liquidität im Markt sowie die Rendite.
Am aktuellen Rand stabilisiert sich das ausstehende Volumen und die Neuemissionen verharren auf hohem Niveau. Seit Mai 2018 sehen wir auch wieder steigende Renditen. Mit einem verbesserten Chance-Risiko-Profil ergeben sich neue Opportunitäten für Investoren und so kehren viele an den Markt zurück. Damit werden auch die Qualitätsunterschiede zwischen den einzelnen Covered-Bond-Märkten wieder wichtiger.

Welcher Trend übt Ihrer Ansicht nach aktuell den größeren Innovationsdruck am Kapitalmarkt aus: Nachhaltigkeit oder Digitalisierung?

Die stärkeren Impulse gehen klar von der Digitalisierung aus. Aus vielerlei Hinsicht. Zum einen steigen mit zunehmender Digitalisierung die Ansprüche der Kunden an ihre Bank, da neue Dienstleistungen gefragt sind. Für die internen Prozesse der Banken bedeutet Digitalisierung Zeit und Geld: mehr Effizienz bei sinkenden Kosten. Zum anderen stellen die kontinuierlich steigenden aufsichtsrechtlichen Berichtsanforderungen Banken vor die Herausforderung, in neue, leistungsfähigere technische Lösungen zu investieren, wie z.B. Blockchain/Distributed Ledger Technology (DLT). Banken werden perspektivisch ihre Prozesse vollständig end-to-end digitalisieren müssen, sonst verlieren sie den Anschluss an den Markt.

Gleichwohl hat das Thema Nachhaltigkeit in der Finanzwirtschaft in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen, nicht zuletzt auch aufgrund der seit vergangenem Jahr geltenden CSR-Berichtspflicht für Kreditinstitute. Es gibt nicht nur einen wachsenden Trend bei Emittenten und Investoren, mehr Kapital in nachhaltige Investitionen zu lenken. Auch suchen Investoren immer häufiger das Gespräch mit Vertretern ihrer Investments über deren Nachhaltigkeitsstrategien. Das erhöht den Druck auf die Unternehmen, aktiv zu werden.
Vom angekündigten EU-Rechtsrahmen zur Klassifizierung von nachhaltigen Vermögenswerten dürften neue Impulse ausgehen. Die Schaffung von Standards sowie die Formulierung eines Regelwerks werden entscheidend sein für das weitere Wachstum des ESG-Pfandbriefsegments.