250 Jahre Pfandbrief: Im Gespräch mit Dr. Christian Ricken

Dr. Christian Ricken Mitglied des Vorstands, Landesbank Baden-Württemberg (LBBW)

Welche Rolle spielt der Pfandbrief im Rahmen der Refinanzierungsstrategie Ihres Hauses?

Der Pfandbrief ist wesentlicher Bestandteil der  Refinanzierungsstrategie der LBBW. Die Tatsache, dass wir im Geschäftsjahr 2018 über ein Viertel unseres gesamten Kapitalmarktfundings über Pfandbriefe emittiert haben, unterstreicht dies. Durch seine ausgeprägten Sicherheitsmerkmale ist der Pfandbrief vor allem in schwierigen Marktphasen besonders gut geeignet, um Emittenten einerseits mit der benötigten Liquidität zu versorgen und andererseits Investoren ein sicheres Anlageprodukt für ihr Investment zu bieten. Außerdem ist der Pfandbrief ein Refinanzierungsinstrument, mit dem man gleichermaßen nationale als auch internationale Investoren erreicht.

Der Pfandbrief scheint auch nach 250 Jahren nicht an Attraktivität eingebüßt zu haben. Was ist Ihrer Ansicht nach seine größte Tugend?

Der Pfandbrief ist aus Sicht von Investoren ein enorm sicheres Produkt: Jeder Emission steht eine besonders gekennzeichnete Auswahl von Aktiva gegenüber, das sog. Deckungsregister. Für die Führung dieses Deckungsregisters gelten strenge gesetzliche Vorgaben, deren Einhaltung von einem externen Treuhänder überwacht werden. Einen zusätzlichen Schutz genießen Investoren durch die Separierung der Deckungsregister im Insolvenzfall. Das zahlt sich aus: Noch nie in seiner 250-jährigen Geschichte wurde ein Pfandbrief nicht zurückgezahlt.

Für Emittenten ist der Pfandbrief ebenfalls besonders reizvoll, da er aufgrund der zahlreichen Sicherheiten zu niedrigen, und somit sehr attraktiven Refinanzierungskosten begeben werden kann. Ein weiterer Vorteil des Pfandbriefes liegt darin, dass er in der Regel auch in schwierigen Marktphasen emittiert werden kann, während am Primärmarkt möglicherweise bereits andere Finanzierungsinstrumente nicht mehr über die notwendige Markttiefe verfügen.

Was ist notwendig, damit der Pfandbrief auch künftig seine Benchmark-Position in Sachen Qualität am Europäischen Covered Bond Markt verteidigen kann?

Der Deutsche Pfandbrief steht für bewährte Qualität und Stabilität. Damit dies auch am europäischen/internationalen Covered Bond Markt weiterhin der Fall bleibt, ist ein enges Zusammenspiel aus soliden Emittenten, einem stabilen deutschen Immobilienmarkt sowie klaren aufsichtlichen Rahmenbedingungen wichtig, um ein hohes Maß an Stabilität zu gewährleisten. Dabei sind übrigens auch die Verbandsaktivitäten des vdp extrem wichtig, da er den Mitgliedern und Emittenten wertvolle Unterstützung bei fachlichen Fragestellungen bietet, frühzeitig politische Diskussionen erkennt und neue Impulse (z.B. im Feld Green Bonds) setzt.

Ein thematischer Schwerpunkt des vdp, die kontinuierliche Weiterentwicklung des deutschen Pfandbriefgesetzes, ist übrigens auch von äußerst hoher Bedeutung, um die Benchmark-Position des Pfandbriefs zu erhalten. Der deutsche Gesetzesrahmen ist besonders eng und lässt nur wenig Freiraum für eine Abweichung vom bestehenden Anspruchs- und Qualitätsniveau - ein Grund weshalb das PfandBG in vielen Punkten als Grundlage für das aktuelle Covered Bond Harmonisierungspaket fungiert. Neben dem Erhalt des Qualitätsstandards dürfen die Zeichen der Zeit aber nicht verschlafen werden: Dies gilt insbesondere im Hinblick auf die Chancen der Digitalisierung, welche sich entlang der kompletten Wertschöpfungskette des Pfandbriefs auftun könnten. Diese müssen wir insbesondere auch auf Verbandsebene eng im Blick behalten, um den Pfandbrief in einer digitalisierten Welt zukunftsfähig auszurichten.

Das Thema Nachhaltigkeit zieht große Aufmerksamkeit am Kapitalmarkt auf sich. Ihr Haus hat 2018 im ESG-Segment am Covered Bond Markt debütiert. Wie aufwändig ist es, sich als neuer Emittent zu positionieren?

Die LBBW setzt sich bereits seit Jahren mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinander und ist im ESG-Segment sehr aktiv. Im Jahr 2017 wurde die erste grüne unbesicherte Anleihe begeben, die auf einem eigens entwickelten sog. Green Bond Framework basiert. Die Vorarbeiten zu diesem Programm, die unter anderem die Analyse grüner Aktiva und die Einholung nötiger Gutachten umfasst haben, haben mit insgesamt vier Monaten verhältnismäßig wenig Zeit beansprucht. Auf diese wichtigen Vorarbeiten und Erfahrungen konnte bei der Erstemission eines grünen Pfandbriefes im Juni 2018 zurückgegriffen werden, sodass sich der Aufwand für die LBBW in Grenzen hielt. In diesem Jahr haben wir unser Green Bond Portfolio deutlich erweitert und im Mai 2019 den weltweit ersten grünen Pfandbrief in US-Dollar begeben. Das große, international diversifizierte Orderbuch zeigt das starke Interesse der Investoren am ESG-Segment.

Der Markt für „Grüne Pfandbriefe“ ist noch sehr jung, sodass das Produkt zum Teil unterschiedlich definiert wird. Würde mehr Standardisierung, ggf. auch durch gesetzliche Regelungen den Markt zum jetzigen Zeitpunkt eher fördern oder behindern?

Mindeststandards im Bereich der grünen Pfandbriefe sind durchaus sinnvoll, um für mehr Transparenz und verbindliche Qualitätsstandards, sowohl bei Investoren als auch bei Emittenten, zu sorgen. Einheitliche Standards, die von Emittenten und Investoren akzeptiert werden, tragen außerdem dazu bei, dass der sehr interessante Markt für grüne Pfandbriefe bzw. grüne Refinanzierung im Allgemeinen weiterwächst. Des Weiteren kann mehr Standardisierung zu wesentlichen Kosteneinsparungen beispielsweise beim Reporting führen. Dieser Punkt ist wichtig, da die entstehenden Zusatzkosten bislang nicht wettbewerbsfähig im Form eines Pricingunterschieds im Vergleich zu herkömmlichen Pfandbriefrefinanzierungen an die Investoren weitergegeben werden können.

Auf der anderen Seite sollte eine zunehmende Standardisierung ausreichend Raum für unterschiedliche Marktgegebenheiten und beziehungsweise unterschiedlich nationale Qualitätsansprüche etwa bei der Selektion von grünen Assets bieten. Diese können von Land zu Land unterschiedlich ausfallen. Nationale Spezifika sollten daher, wie bei der Covered Bond Harmonisierung auch, adäquat berücksichtigt werden.