250 Jahre Pfandbrief: Im Gespräch mit Hans-Dieter Kemler

Hans-Dieter Kemler Mitglied des Vorstands, Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba)

Welche Rolle spielt der Pfandbrief im Rahmen der Refinanzierungsstrategie Ihres Hauses?

Die Helaba ist einer der führenden Pfandbriefemittenten in Deutschland. Wir sind eine Universalbank mit Geschäftsschwerpunkten u.a. in der gewerblichen Immobilienfinanzierung sowie in der Kommunalfinanzierung. Die Bedeutung der Finanzierung der öffentlichen Hand insbesondere in Hessen wird auch über die enge Einbindung der WIBank in das Geschäftsmodell der Helaba unterstrichen. Somit unterhält die Helaba auch weiterhin hypothekarisch besicherte sowie öffentlich besicherte Deckungsstöcke. Der Pfandbrief ist daher eine wesentliche Refinanzierungsquelle und ein zentraler Pfeiler in unserer Refinanzierungsstrategie. Darüber hinaus ist der Pfandbrief unser wichtigstes Benchmark-Instrument zur Vermarktung des Emittenten Helaba auch bei internationalen Investoren. Durch den Erwerb der Dexia Kommunalbank Deutschland konnte unsere Marktposition jüngst weiter gestärkt werden.

Auch nach 250 Jahren scheint der Pfandbrief nicht an Attraktivität eingebüßt zu haben. Was ist Ihrer Ansicht nach seine größte Tugend?

Der Pfandbrief zeichnet sich historisch durch eine sehr hohe Preis- und Ratingstabilität aus, wie sich insbesondere in den zurückliegenden Finanzmarktkrisen erwiesen hat. Daher wird der Pfandbrief auch zurecht von sehr vielen Markteilnehmern als „Staatsanleihen Surrogat“ angesehen. Die regulatorische Einwertung der Pfandbriefe unterstreicht dies ebenfalls. Die Stärke des Pfandbriefes fußt wesentlich auf der Solidität und den hohen Qualitätsansprüchen des Pfandbriefgesetzes. Das wird auch im Rahmen der europäischen Covered Bond Harmonisierung deutlich. Dort wird den hohen Anforderungen des deutschen Pfandbriefes Rechnung getragen und diese im europäischen Kontext manifestiert. Neben seiner Beständigkeit hat sich der Pfandbrief in der Vergangenheit mit dem Ziel der Qualitätssicherung auch als sehr anpassungsfähig erwiesen. Die Einführung des Liquiditätspuffers nach der Finanzkrise oder die kürzlich geregelte Sicherstellung der Deckungsfähigkeit britischer Deckungswerte im Falle eines Brexits sind nur einige Beispiele.

Diese Qualitätsmerkmale verhalfen deutschen Pfandbriefen zu sehr großer internationaler Akzeptanz, sodass davon auszugehen ist, dass auch Emittenten, die bis dato nicht den hohen Standard erfüllen mussten, künftig unter der neuen anspruchsvollen Gesetzgebung eine breitere Investorenakzeptanz genießen dürften.

Stichwort Harmonisierung: Künftig soll es zusätzlich zum Segment „European Covered Bonds (Premium)“ zu dem der Pfandbrief zählt, eine Art Standard Segment „European Covered Bonds“ geben. Diese erfüllen die Anforderungen der Richtlinie sind aber nicht privilegierungsfähig. Wie beurteilen Sie die geplante Erweiterung?

Wie bereits erwähnt, begrüßen wir die Aufnahme wesentlicher Bestandteile des Pfandbriefgesetztes im Rahmen der europäischen Harmonisierung. Auch in der Vergangenheit gab es bereits „Nischen“ Produkte, die Pfandbrief-ähnliche Techniken auf andere Asset-Klassen angewendet haben. Je nach Geschäftsmodell des Emittenten macht dies auch durchaus Sinn. Letztendlich werden die Investoren entscheiden, ob und zu welchem Preis „European Covered Bonds“ marktfähig sind. Die Refinanzierungsstrategie für unser Geschäftsmodell basiert auf einer weitgehenden fristenkongruenten Refinanzierung unseres Kreditgeschäfts über die Begebung von Pfandbriefen und unbesicherten Emissionen. Daher sehen wir aufgrund der Segmentierung im Rahmen der Harmonisierung keine Auswirkungen für unsere Refinanzierungsaktivitäten.

Mit Senior-Preferred Anleihen steht seit August 2018 ein neues Refinanzierungsinstrument zur Verfügung. Wirkt sich das auf ihre Refinanzierungsstrategien aus und wenn ja, wie?

Mit der 2. Überarbeitung des Paragraphen 46 (f) KWG ist es deutschen Kreditinstituten seit dem 23.07.2018 erstmals möglich, „Plain-Vanilla“-Anleihen, d.h. Emissionen ohne strukturierte Ausstattungsmerkmale im bevorrechtigten „Senior Preferred“ Rang zu begeben. Vormals waren diese Art von Emissionen per Gesetz dem niedrigeren „Senior Non-Preferred“ Rang zugeordnet. „Plain-Vanilla“-Emissionen stellen für Banken das Haupt-Refinanzierungsinstrument dar.

Wir begrüßen daher die Reformierung des Paragraphen 46(f), da es uns für Refinanzierungsmaßnahmen eine feinere Steuerbarkeit hinsichtlich reiner Refinanzierung (Senior Preferred) und (MREL-)Kapital (Senior-Non-Preferred) ermöglicht. Aufgrund unseres sehr hohen Altbestandes an „Plain-Vanilla“-Emissionen ist unsere MREL-Kapazität über Jahre hinaus gesichert, sodass die Senior Preferred Emissionsform für uns ein willkommenes und viel genutztes Refinanzierungsinstrument darstellt.

Das Thema Nachhaltigkeit zieht große Aufmerksamkeit am Kapitalmarkt auf sich. Könnten Sie sich vorstellen im „grünen“ bzw. ESG-Anleihesegment aktiv zu werden?

Nachhaltigkeit ist in der Tat ein Thema, dem wir große Aufmerksamkeit widmen. Als Institut legen wir sehr großen Wert auf ein durchgängig nachhaltiges Geschäftsmodell. In unserer Geschäftsstrategie verpflichten wir uns auch ausdrücklich zur nachhaltigen Ausrichtung unserer Geschäftstätigkeit und bekennen uns zum Klimaschutz. Um diese Verpflichtung auch nach außen hin zu dokumentieren, haben wir uns 2017 zu den zehn Prinzipien des UN Global Compact bekannt. Somit trägt die Bank bewusst Verantwortung für Gesellschaft und Umwelt. Im Rahmen unserer Refinanzierungstätigkeit beobachten wir neue Emissions-Trends immer sehr genau und evaluieren kontinuierlich deren ökonomischen Aspekte. Darunter fallen natürlich auch „nachhaltige“ Emissionen, die sich am Markt allmählich als eine neue zusätzliche Refinanzierungsalternative etablieren.