250 Jahre Pfandbrief: Im Gespräch mit Jean-Claude Juncker

Jean-Claude Juncker Präsident EU-Kommission

Wann haben Sie erstmals von Pfandbriefen gehört?

Mein halbes Leben ist es bestimmt her, jedoch noch nicht 250 Jahre – da bin ich mir relativ sicher. Ich bin vor genau 30 Jahren, 1989, erstmals zum Finanzminister Luxemburgs ernannt worden und hatte dieses Amt 20 Jahre lang inne. Außerdem war ich, wie Sie wissen, fast ebenso lange Premierminister meines Heimatlandes, in dem wir uns mit Finanzen recht gut auskennen. Ich freue mich, dem Pfandbrief zu 250 Jahren seines Bestehens gratulieren zu können.

Wie konnte ein Finanzprodukt aus Deutschland zu einem Exportschlager avancieren?

Für die Exportnation Deutschland ist das natürlich kein Zufall. Aber im Ernst: Es war Friedrich der Große, der Deutschland mit einem Erlass 1769 bereits einen Standortvorteil verschafft hat, indem er die Ausgabe von Pfandbriefen erstmals geregelt hat. Deshalb konnte sich die doppelt besicherte Anleihe in Deutschland etablieren, bevor in anderen europäischen Staaten Märkte dafür entstanden.

Ein solider Gesetzesrahmen ist entscheidend, damit Investoren, aber auch Emittenten geschützt sind. Heute verfügen viele EU-Mitgliedstaaten schon seit längerem über eigene Rechtsrahmen, was die Entwicklung nochmals begünstigt hat. Und schließlich scheint mir die Größe und Liquidität des Marktes für gedeckte Schuldverschreibungen insgesamt eine wichtige Rolle für den Erfolg zu spielen. Ende 2017 stand bei gedeckten Schuldverschreibungen weltweit eine Summe von 2,5 Billionen Euro aus, davon betrafen 2,1 Billionen Euro Papiere, die von EU-Instituten ausgegeben wurden. Damit macht der europäische Markt einen Anteil von 84 % am weltweiten Aufkommen aus.

Warum ist die Harmonisierung von Covered Bonds eine Erfolgsgeschichte?

Gedeckte Schuldverschreibungen haben sich besonders in der Finanzkrise als verlässliche und stabile Finanzierungsmöglichkeit erwiesen. Der deutsche Pfandbriefmarkt funktioniert gut, aber auch in Dänemark, Frankreich, Spanien, Schweden und Italien haben sich wichtige Märkte für gedeckte Schuldverschreibungen etabliert. Ein eigener, solider Rechtsrahmen für diese Anleihe-Form war Teil des Erfolges, aber auch die spezifischen Programme der Europäischen Zentralbank, welche die Refinanzierung des Finanzsystems über Pfandbriefe und andere gedeckte Schuldverschreibungen erleichterte. Zugleich aber wurde das Potenzial dieser Instrumente eingeschränkt, weil die Vorschriften in den Mitgliedsstaaten oft noch unterschiedlich sind. Und zur Wahrheit gehört auch, dass gedeckte Schuldverschreibungen in einigen EU-Staaten bisher keine große Rolle spielten.

Deshalb hat die Europäische Kommission im März vergangenen Jahres gemeinsame Definitionen und Standards für gedeckte Schuldverschreibungen vorgeschlagen, als Teil einer meiner Prioritäten, eine Kapitalmarktunion in der EU zu schaffen. Damit möchten wir Anlegern und Investoren mehr Auswahl bieten und Unternehmen einen besseren Zugang zu Kapital ermöglichen, über Ländergrenzen hinweg – und damit unser Finanzsystem insgesamt weiter stärken. Ich hoffe sehr, dass das Europäische Parlament und der Rat diese wichtige Reform noch vor der Europawahl endgültig beschließen werden.