Im Gespräch mit Benoît Coeuré

Benoît Coeuré Mitglied des Direktoriums der EZB

In welchem Zusammenhang hatten Sie erstmals mit Pfandbriefen zu tun?

Vor meinem Eintritt in die EZB war ich fünf Jahre lang bei der Agence France Trésor, dem französischen Gegenstück der deutschen Finanzagentur, für die Verwaltung von Krediten und Barmitteln für Frankreich zuständig. Damals hatte ich erstmals mit dem Pfandbrief als wichtigem Baustein des europäischen Anleihenmarkts zu tun.

Welche Bedeutung haben Pfandbriefe und andere gedeckte Schuldverschreibungen für den geldpolitischen Transmissionsmechanismus?

Gedeckte Schuldverschreibungen erfüllen im geldpolitischen Transmissionsprozess eine wichtige Funktion, insbesondere in einer traditionell bankengestützten Volkswirtschaft wie dem Euroraum. So haben beispielsweise die Programme zum Ankauf gedeckter Schuldverschreibungen die Finanzierungskosten der Banken unmittelbar gesenkt und sie dadurch bewogen, mehr Kredite zu günstigeren Konditionen an Unternehmen und Haushalte zu vergeben. Gedeckte Schuldverschreibungen waren nicht zufällig die erste Anlageklasse, die das Eurosystem 2009 zu geldpolitischen Zwecken direkt angekauft hat. Zudem machen sie einen beträchtlichen Teil der Sicherheiten aus, die Banken nutzen, um sich mit Zentralbankgeld zu versorgen.

Glauben Sie, dass die Harmonisierung des Pfandbriefmarkts zu einer Erfolgsgeschichte wird?

Die EZB unterstützt das Vorhaben, in der Europäischen Union einen einheitlichen, liquiden und transparenten Markt für gedeckte Schuldverschreibungen zu schaffen. Die von der Europäischen Kommission im März 2018 unterbreitete Gesetzesvorlage über gedeckte Schuldverschreibungen ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung, auch im Hinblick darauf, eine weitere Vertiefung der Kapitalmarktunion zu fördern. Die EZB hält es außerdem für sinnvoll, die vorgeschlagene Richtlinie zur Grundlage einer neuen nationalen Gesetzgebung über gedeckte Schuldverschreibungen zu machen. Außerdem unterstützen private Initiativen öffentliche Maßnahmen, die der Harmonisierung dienen. Dies gilt vor allem für das Gütesiegel, das der European Covered Bond Council (ECBC) 2012 für gedeckte Schuldverschreibungen eingeführt hat. Natürlich werden die nationalen Unterschiede nicht von einem Tag auf den anderen verschwinden, aber ich bin zuversichtlich, dass sich die Gepflogenheiten in den EU-Ländern mit der Zeit zunehmend angleichen werden.

Werden Innovationen wie Pfandbriefe bzw. gedeckte Schuldverschreibungen mit Zweckbestimmung der Erlöse den Markt verändern? Und wenn ja, wie?

Erfolgreiche Innovationen haben, sofern sie umsichtig gesteuert wurden, schon immer wichtige Impulse für die Entwicklung der Finanzmärkte gegeben. Da in der Bevölkerung das Bewusstsein dafür wächst, dass wirtschaftliche Aktivitäten gefördert werden sollten, die schädliche Folgen für die Umwelt vermeiden, halte ich „grüne“ Anleihen auf dem Pfandbriefmarkt ebenso wie in anderen Marktsegmenten für eine vielversprechende Neuerung und zukunftsweisende Veränderung.