Meilensteine der Pfandbriefgeschichte

Im Laufe seiner 250-jährigen Geschichte hat sich der Pfandbrief zu einem Exportschlager des Finanzplatzes Deutschland entwickelt und gilt zurecht als prägend für den Europäischen Covered Bond Markt. Kurz und knapp werden hier Meilensteine seiner Entwicklung skizziert.

Meilensteine 1769 - 2019

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  • 1769

Friedrich der Große, König von Preußen legt mittels Kabinettsorder den Grundstein für die Ausgabe der ersten Pfandbriefe. Sie sollen die Kreditwürdigkeit adeliger Großgrundbesitzer wiederherstellen und die durch den Siebenjährigen Krieg und eine schwere Finanzkrise in Mitleidenschaft geratene Landwirtschaft wiederbeleben.

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  • 1770

Gründung der Schlesischen Landschaft, Emittentin der ersten landschaftlichen Pfandbriefe: Das mit verschiedenen Sicherungsmechanismen ausgestaltete und frei übertragbare Wertpapier erfreut sich großer Beliebtheit und findet zahlreiche Nachahmer. Nicht zuletzt, weil sich mit dem Aufstieg des dritten Standes ab Mitte des 18. Jahrhunderts jene Schicht herausbildet, die bereit ist zu sparen und fremde Investitionen zu finanzieren.

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  • 1792

Bewährungsprobe: Die Napoleonischen Kriege (1792 - 1815) haben erhebliche Ertragseinbußen in der Landwirtschaft und eine schwere Hungersnot zur Folge. Die Bedienung der Pfandbriefgläubiger wird zur Herausforderung: Zinszahlungen müssen gestundet; Kredite zur Bedienung der Gläubiger aufgenommen werden, auch staatliche Garantien sind notwendig. Gleichwohl: keine Landschaft und keine ihrer Pfandbriefserien muss liquidiert werden.

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  • 1807

Innovation: In Folge der preußischen Agrarreformen ändert sich die Rechtskonstruktion des Pfandbriefs. So entfällt u. a. die persönliche Haftung des Grundeigentümers und die Landschaft tritt als "Mittler" zwischen ihn und den Pfandbriefgläubiger. Der "Güterpfandbrief" wandelt sich zur Teilschuldverschreibung der ausgebenden Landschaft. Darlehen werden aber unverändert nicht bar, sondern in Pfandbriefen ausgezahlt. Um deren Platzierung muss sich der Darlehensnehmer bemühen.

  • 1830

Frühindustrialisierung: Deutschland startet schlecht in das industrielle Zeitalter; territorial zersplittert, misst, wiegt und bezahlt es in unterschiedlichen Einheiten. Der Verkehr ist kaum erschlossen und behindert den freien Handel zusätzlich. Bauernbefreiung; Fortschritte in Medizin und Technik; Kartoffel und Steinkohle - all das legt wichtige Grundsteine, führt aber zunächst zu einem enormen Bevölkerungswachstum, Massenarbeitslosigkeit und Armut.

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  • 1862

Mit der Industrialisierung steigt der Kapitalbedarf, u.a. für die Errichtung von Wohn- und Gewerbeimmobilien. In Deutschland entstehen nach dem Vorbild des Crédit Fonciere private Hypothekenbanken. Sie vergeben Bardarlehen gegen hypothekarische Sicherheiten und refinanzieren sich über Pfandbriefe. Der Pfandbrief wird zur Bankschuldverschreibung. Die Regelungen zum Pfandbrief sind in den deutschen Landesteilen allerdings sehr unterschiedlich ausgestaltet. Ein Flickenteppich, der die Entwicklung eines Marktes für Pfandbriefe behindert.

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  • 1870

Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 führt zu der durch Preußen forcierten und ersehnten Gründung des Deutsches Kaiserreiches. Die hohen Reparationsleistungen Frankreichs bringen Deutschland zu wirtschaftlicher Blüte und begünstigen die industrielle Aufholjagd. In der "Gründerkrise" 1873 platzt jedoch die Spekulationsblase mit Industriewerten; Kleinanleger verlieren ihre Ersparnisse; wer kann, schichtet um in vergleichsweise sichere Anlagen wie den Pfandbrief.

  • 1880

Immobilienkrise: Spekulative Beleihungen und zum Teil kriminelle Geschäftspraktiken bringen einzelne Hypothekenbanken ins Wanken. Verschiedene Großbanken gründen Schutzvereinigungen für Pfandbriefinhaber, um das Anlegervertrauen zu erhalten. Erlittene Verluste können im Zuge der Sanierung so meist nachträglich ausgeglichen werden.

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  • 1900

Am 1.1.1900 tritt das Hypothekenbankgesetz (HBG) in Kraft. Es beseitigt die zersplitterten Rechtgrundlagen, regelt reichseinheitlich die Geschäftstätigkeit der Hypothekenbanken und deren staatliche Aufsicht, aber vor allem den Schutz der Pfandbriefgläubiger durch ein gesetzliches Insolvenzvorrecht. Die strengen normativen Grundregeln, d. h. Spezialisierungs-, Deckungs- und Kongruenzprinzip umreißen nun klar das Geschäftsmodell der Hypothekenbanken. Mit der Gründung des Sonderausschusses Hypothekenbanken entsteht 1902 erstmals auch eine gemeinsame Interessenvertretung.

  • 1902

Hochindustrialisierung: Binnen weniger Jahrzehnte schließt Deutschland zur führenden Industrienation England auf. Gut 40 % der Bevölkerung arbeiten in der Industrie. Der Wohnungsbau in den Städten hält nicht Schritt; die neue soziale Klasse der Fabrikarbeiter lebt und arbeitet unter katastrophalen Bedingungen. Aus Furcht vor Rebellion lindert die Regierung die schlimmsten Nöte durch eine in Europa vorbildliche Sozialgesetzgebung, die Arbeitsschutz, Alterssicherung und Krankenversicherung regelt.

  • 1918

Der Friedensvertrag von Versailles 1919 verpflichtet Deutschland zu Reparationsleistungen. Die von der Regierung betriebene Geldvermehrung über die Notenpresse mündet in eine Hyperinflation und führt zum Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft und des Bankensystems. Auch nach der Währungsreform 1923 liegt der Kapitalmarkt darnieder. Mit Einführung des Gold-Pfandbriefs gelingt es, Anlegervertrauen zurückzugewinnen. Die Verbindung von bewährtem Produkt und wertbeständigem Edelmetall hilft, das Inflationstrauma zu überwinden.

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  • 1929

Die durch die Weltwirtschaftskrise in Deutschland ausgelöste Bankenkrise erreicht 1931 ihren Höhepunkt. Anleihekurse geraten unter Druck - auch am Pfandbriefmarkt. Der Börsenhandel wird ausgesetzt. Als er 1932 wieder öffnet, setzt sich der Pfandbrief schnell an die Spitze der Kursentwicklung fest verzinslicher Wertpapiere. Das festigt sein Image als Inbegriff für Anlagensicherheit. Zuvor war es mit der Novelle des Hypothekenbankgesetzes 1930 gelungen, einen Bezeichnungsschutz für Pfandbriefe durchzusetzen.

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  • 1945

II. Weltkrieg: Deutschland kapituliert. Die Zerstörung ist verheerend. Die Inflation grassiert; erneut ein Währungsschnitt erforderlich. Realkreditinstitute müssen sich mit tiefen Einschnitten abfinden; Ausgleichsforderungen gegen die öffentliche Hand ermöglichen es aber, Pfandbriefgläubiger regulär zu bedienen. Gezielte Maßnahmen zur Wiederbelebung des Kapitalmarktes gibt es erst nach 1950.

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  • 1957

Europa braucht andere Wege, um Konflikte zu lösen und seine Zukunft zu sichern. Mit der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft legen Belgien, die Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Italien und Luxemburg den Grundstein für die Entwicklung der Europäischen Union.

  • 1967

Auf belgische und niederländische Initiative hin wird 1967 der Europäische Hypothekenverband (EHV) in Brüssel gegründet. Der Verband privater Hypothekenbanken tritt ein Jahr später bei. Er initiiert 1992 die Gründung eines Pfandbriefausschusses im EHV, aus dem wiederum 2004 der heutige European Covered Bond Council (ECBC) hervorgeht.

  • 1974

Realkreditreform: Die Reform trägt den Veränderungen der Märkte Rechnung und erhöht die Wettbewerbsfähigkeit der Hypothekenbanken. Das Kommunalkreditgeschäft wird zum ,zweiten Hauptgeschäft' erklärt; Umlaufgrenzen werden erweitert; die Ausgabe ungedeckter Schuldverschreibungen gestattet. Hypothekenbanken können nun Nachrangfinanzierungen gewähren, Vor- und Zwischenfinanzierungen ausreichen und Kredite an Staaten der Europäischen Gemeinschaft vergeben.

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  • 1989

Mauerfall: Am 9. November "fällt" die Berliner Mauer und beendet die Teilung Deutschlands nach dem II. Weltkrieg. Es ist ganz wesentlich das Ergebnis der durch den russischen Politiker und Staatspräsidenten Michail Gorbatschow eingeleiteten Reformen, die auch den kalten Krieg in Europa beenden und damit den Boden für die EU-Osterweiterung bereiten.

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  • 1990

Vor dem Hintergrund der deutschen Einheit und des Maastricht-Prozesses wird das Hypothekenbankgesetz (HBG) umfassend novelliert. Die bewährten Prinzipien wahrend, wird das Geschäftsgebiet auf den europäischen Wirtschaftsraum erweitert. Kommunalobligationen dürfen nun als "Öffentliche Pfandbriefe" vermarktet werden. Das stärkt national und international die Positionierung des Pfandbriefs, welche der Verband deutscher Hypothekenbanken jetzt in Eigenregie übernimmt, nachdem der seit 1955 bestehende Gemeinschaftsdienst für die Produkte der Pfandbriefinstitute aufgelöst wurde.

  • 1995

Der Wettbewerbsdruck für den deutschen Pfandbrief steigt. Als Folge der Anlagepräferenzen institutioneller Investoren entsteht mit dem Jumbo-Pfandbrief ein neues Marktsegment. Gleichzeitig findet die Pfandbriefidee, auch aufgrund der Bemühungen des Verbandes deutscher Hypothekenbanken (VDH), Freunde in Europa. Der Sammelbegriff "Covered Bonds" vereint nun eine Vielzahl neuer Produkte, die rechtlich aber sehr verschieden konstruiert sind. Die besonderen Gütekriterien des Pfandbriefs herauszustellen, wird für den VDH einmal mehr zur Aufgabe.

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  • 2005

Das Pfandbriefgesetz (PfandBG) löst das Hypothekenbankgesetz (HBG) als Rechtsgrundlage für die Pfandbriefemission ab. Ausgelöst durch den Wegfall des Spezialbankprinzips ist das Privileg der Pfandbriefemission nun an die Erfüllung der hohen Qualitätsstandards des Produktes gebunden und nicht mehr an den Emittenten. Auch der Verband deutscher Hypothekenbanken (VDH) trägt dem Rechnung und etabliert sich als säulenübergreifende Interessenvertretung für das Produkt Pfandbrief, aus VDH wird vdp.

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  • 2008

Spekulationen am US-Häusermarkt kulminieren im Untergang der US-Bank Lehman Brothers. In Europa mündet die weltweite Finanzkrise in einer Banken- und schließlich Euro-Schuldenkrise. Nervosität lähmt den Interbankenmarkt. Der Pfandbrief aber genießt hohes Anlegervertrauen und erweist sich als zuverlässiges Refinanzierungsinstrument. Das noch junge Pfandbriefgesetz bewährt sich, nicht zuletzt, weil in der Krise gezeigte Schwachstellen zügig identifiziert und durch Gesetzesnovellen behoben werden.

  • 2010

Basel III: Die im Zuge der Finanzkrise auf den Weg gebrachte Reform der globalen Bankenregulierung wird verabschiedet und anschließend mehrfach überarbeitet und ergänzt. Das komplexe Regelwerk soll die Finanzstabilität erhöhen und enthält deutlich strengere Regeln für Eigenkapital, Liquidität und Verschuldungsquote. Der Pfandbrief wird als einziges privates Kapitalmarktprodukt systematisch privilegiert. Den vorläufigen Schlusspunkt setzen die 2017 vereinbarten neuen Standards, nach denen Banken ihre Kapitalanforderungen künftig berechnen müssen.

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  • 2016

Brexit: Per Referendum stimmen knapp 52 Prozent der Briten für einen Austritt des Vereinigten Königreiches aus der Europäischen Union. Die Gründe sind vielfältig, die Folgen nur schwer abzuschätzen. Zumindest die Auswirkungen auf den Pfandbrief sind begrenzt, da mit der Drittstaatenregelung britische Deckungswerte auch nach einem Brexit deckungsfähig bleiben.

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  • 2018

Klimawandel & Green Finance: Die EU-Kommission stellt einen Aktionsplan zur Förderung nachhaltiger Investitionen vor; diskutiert wird eine Klassifizierung grüner Vermögenswerte, die Schaffung regulatorischer Standards und die Einbettung von Nachhaltigkeitsaspekten in das Risikomanagement von Banken. Die Ideen sind nicht unumstritten, gleichwohl gewinnt das seit Jahren diskutierte Thema Kontur und schafft Innovationsdruck am Kapitalmarkt.

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  • 2019

Zum 250. Jubiläum des Pfandbriefs, einigt man sich in Europa auf ein Gesetzespaket zur Harmonisierung gedeckter Schuldverschreibungen. Es lässt die Handschrift des Pfandbriefgesetzes erkennen; stark prinzipienbasiert definiert es wesentliche Qualitätsmerkmale und lässt Raum für die Entwicklung bewährter nationaler Produkte. Die Geschichte zeigt: Tradition und Innovation bzw. das Sichern und Weiterentwickeln der Qualitätsstandards sind Fundament und Zukunft der Erfolgsgeschichte des Pfandbriefs.